Wirbelgleiten – Spondylolisthesis

Das passiert uns Trainern recht häufig: ein Klient oder ein Teilnehmer einer Aerobicstunde kommt schon vor Beginn des Workouts zu uns und sagt: “Ich habe einen Gleitwirbel!”. Schön und gut – aber was tun jetzt mit dieser Information? Müssen wir auf irgendetwas achten?

Begriff

spondylos = griechisch für “Wirbel”

olisthesis = altgriechisch für “gleiten”

Erklärung

BWS_saggital

Von einer Spondylolisthese spricht man, wenn ein Wirbel und die gesamte über ihm liegende Wirbelsäule sich gegen den UNTER ihm liegenden Wirbel (samt Wirbelsäule) nach vorne (“ventral”) verschiebt. (Infos zum Aufbau der Wirbelsäule siehe “Skoliose“). Eher leichte Fälle weisen eine Verschiebung von bis zu 25 % auf (Stadium I° nach “Meyerding”), im schwersten Stadium kann der betroffene Wirbel den Kontakt zum unter ihm liegenden Wirbel komplett verloren haben (Stadium V° nach “Meyerding”).

Auf dem Bild links sind einige Wirbel (BWS) in ihrer normalen Anordnung zu sehen.

Quelle Bild: http://www.bartleby.com/107/illus92.html

Im Regelfall betrifft die Spondylolisthesis die Lendenwirbelsäule, in den allermeisten Fällen L4/L5, manchmal auch L3/L4 oder L5/S1.

MR_LWS_Spondylolistesis_Rueckenmarkskanal

In den Wirbeln verläuft der Rückenmarkskanal (und darin das Rückenmark) und danach (ab ca. L2) das sog. “verlängerte Mark” , also einzelne Nervenstränge, die dann vom unteren – eigentlich noch in seiner Originalposition liegenden – Wirbel abgedrückt werden, sobald der obere abgleitet.

Auf dem MRT-Bild ist so ein nach vorne verschobener Lendenwirbel zu sehen, es handelt sich hier um L4. L5 drückt entsprechend auf die Nervenstränge.

Quelle Bild: http://de.wikipedia.org/wiki/Spondylolisthesis

Dies kann zu massiven Schmerzen, aber auch zu Funktionsverlusten der von diesem Segment versorgten Strukturen (Muskeln oder Empfindungen) führen. Zum Schutz der abgedrückten Nervenstränge verkrampft die Muskulatur, die die betreffenden Bereiche der Wirbelsäule stabilisieren kann, reflektorisch.

Das Erscheinungsbild und die entstehenden Beschwerden sind ähnlich dem Bandscheibenvorfall, zum Feststellen der korrekten Ursache der Beschwerden sollte also ein bildgebendes Verfahren (idealerweise MRT) herangezogen werden. Diese Ähnlichkeit kommt nicht von Ungefähr – resultieren die Schmerzen bzw. Ausfälle doch in beiden Fällen aus einem Druck auf die Nervenstränge. In einem Fall erfolgt dieser Druck durch einen heraustretenden Bandscheibenkern, im anderen – also beim hier besprochenen Wirbelgleiten – eben durch einen Wirbel.

Wie auch beim Bandscheibenvorfall sind plötzlich eintretende Inkontinenz-Symptome ein Notfall und sollen SOFORT ärztlich behandelt werden! Tel. Rettung Österreich und Schweiz: 144, Deutschland: 112.

Aufgrund des Gleitens können die Beschwerden kommen und gehen und natürlich auch mit unüblichen, ungewohnten Belastungen einhergehen, auf die die Betroffenen muskulär nicht eingestellt sind. Es gibt auch besonders ungünstige Sportarten, bei denen viele Kräfte durch seitliche Züge (Speerwerfen, Delphinschwimmen,…) oder Aufprall (Turnen, Trampolinspringen,…) entstehen.

Die Ursachen liegen in den allermeisten Fällen in einem Abbau bzw. Abnutzung des betroffenen Wirbels und teilweise auch der Bandscheiben, die die Verbindung zwischen den Wirbeln zusätzlich unterstützen.

Therapie – oder – was können wir Trainer tun?

Es kann mit verschiedenen Stützen (“Orthesen”, ähnlich einem Korsett) Stabilisation geschaffen werden, außerdem gibt es eine Operation, bei dieser wird ein gleitender Wirbel mit mindestens einem benachbarten Wirbel verbunden.

Zu Beginn steht aber in den allermeisten Fällen der Versuch, den zu mobilen Wirbel durch Muskeltraining zu stabilisieren. Bei akuter Symptomatik beginnen in der Regel Physiotherapeuten die Behandlung, danach kommen schon wir Trainer zum Zug und sollten mit gezieltem Training OHNE Seitzüge (Achtung auch beim Dehnen!!!) und OHNE Aufprall die Rückenstrecker, die autochtone Rückenmuskulatur, den m. latissimus dorsi und alle Antagonisten auf der Rumpfvorderseite (Bauch- und Brustmuskeln) gezielt und kräftigend trainieren.

Muskelzuwachs hat hier die oberste Priorität, es können auch (gezielt und überlegt!!!) Gewichte eingesetzt werden. Reine Entspannungsübungen oder halbherzige bzw. aus Unwissenheit oder Unsicherheit zu zögerliche Trainingsversuche werden die zur Stabilisierung notwendige muskuläre Stützung NICHT aufbauen können!

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