Tibiakantensyndrom, Schienbeinkantensyndrom, “Shin splints”

Begriff

tibia: lat. für “Schienbein”

Syndrom: gleichzeitiges Vorliegen einzelner, definierter Symptome (Krankheitszeichen)

tibialis_anterior

Musculus tibialis anterior (“vorderer Schienbeinmuskel”)

Bild: Quelle www.bartleby.com

Verlauf

Der musculus tibialis anterior entspringt am Schienbein (“tibia”) in Knienähe und verläuft bis zum Fuß, zum sog. os cuneiforme mediale, einem Fußknochen, der mitbeteiligt an der Formung des Fußgewölbes ist.

Funktion

Die Hauptfunktion des m. tibialis anterior liegt im Heben des Fußes und – da er ja an der Innenseite des Fußes ansetzt – das Drehen der Fußinnenkante nach oben und außen – also hübscher ausgedrückt die Supination.

Des weiteren hat er – vor allem im Stand – stabilisierende Funktion – sowohl was das Fußgewölbe anbelangt, als auch das Sprunggelenk.

Der m. tibialis anterior ist maßgeblich an der Abrollbewegung des Fußes beteiligt.

Das Tibiakantensyndrom

Das Tibiakantensyndrom ist eine schmerzhafte Entzündung an der Ansatzsehne des m. tibialis anterior, die zumeist Hobbysportler plagt.

Die Ursachen sind häufig:

  • Überbeanspruchung (falsches Training)
  • Fehlende Regeneration
  • Schlechter Laufstil
  • Schlechtes Schuhwerk (Fußgewölbe!)
  • Zu schwache Fußmuskulatur (Fußgewölbe!)
  • Laufen (oder langes Wandern) auf ungewohntem Gelände

Betroffene sind meist Läufer, aber generell kann es alle “erwischen”, die gehend oder laufend weite Strecken zu Fuß zurücklegen und/oder sich neue Schuhe zulegen. Die shin splints können aber auch bei anderen Sportarten auftreten, wenn länger andauernde, ungewohnte Belastung auf den Muskel kommt.

Wer viel ohne Einbeziehen des Ballens springt oder beim (v.a. bergab-)Laufen gerne ohne Abrollbewegung auf den Vorfuß springt, läuft auch leicht Gefahr, ein Schienbeinkantensyndrom zu entwickeln.

Cross-Country

Vor allem, wer – zb wegen der Beschaffenheit des Geländes – keine komplette Abrollbewegung mit dem Fuß ab der Ferse durchführen kann, sollte bei jedem Schritt mit dem kompletten Ballen (von kleiner bis großer Zehe!) aufsteigen (Füße möglichst nicht nach innen oder außen drehen) und so zu den Zehen hin abrollen.

Bild: fotolia

Die Symptome äußern sich hauptsächlich in Schmerz am Muskelansatz im Bereich der Schienbeinvorderkante. Der Schmerz lässt sich meistens leicht lokalisieren. Erstmals tritt der Schmerz zumeist erst nach einer stärkeren bzw. ungewohnten Belastung auf, manchmal erst am nächsten Tag (weil die Entzündung erst langsam beginnt).

Wenn die Entzündung chronisch wird, besteht der Schmerz auch schon während der Belastung – ein eindeutiger Hinweis, das Training sofort abzubrechen!

Therapiemöglichkeiten

  • Trainingspause (ca. 1 Woche) bis die Entzündung komplett abgeklungen ist (zwecks Ausdauererhalt empfiehlt sich zb Schwimmen, Ergometertraining o.ä.)
  • Wenn ärztlich verordnet auch entzündungshemmende Medikamente
  • Kurzfristig (akut) kühlen
  • Chronische Entzündung kann physiotherapeutisch behandelt werden (s.u.)

Einen Versuch wert:

Auf der Homepage der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung http://www.ultra-marathon.org habe ich folgenden Tipp gefunden, wie man mit einer Massagetechnik (einmalig – wenns nix hilft bitte DRINGEND zum Arzt!) versuchen kann, ein chronisches Tibiakantensyndrom zum Abheilen zu bringen:

“… Die schmerzenden Stellen können durch Betasten der Schienbeinkante aufgesucht werden. Diese Stellen werden dann mit der Daumenkuppe punktuell in einer kreisenden Bewegung massiert. Dabei bleibt der Daumen immer auf der Stelle, er wandert nicht weiter. Der Druck sollte stark und ein deutlicher Schmerz spürbar sein. Die Schmerzintensität sollte sich innerhalb der eigenen Schmerztoleranzgrenzen bewegen. Nach 1-2 Minuten kann man feststellen, dass sich unter dem Daumen eine Art Schwellung bildet. Nun kann der nächste Schmerzpunkt behandelt werden. …”

Die Idee hinter dieser Art Massage ist, dass eine Entzündung per se eigentlich eine begrüßenswerte Angelegenheit und Teil eines Heilungsprozesses ist. Mit der Massage wird die chronische – nicht mehr effektive – Entzündung wieder aktiviert und zu einer akuten “umgewandelt” – nach ein bis zwei Tagen sollte eine deutliche Linderung der Beschwerden und relativ bald auch komplette Beschwerdefreiheit erreicht werden.

Ich kann aus medizinischer Sicht nichts zu dieser Massagetechnik sagen (außer, dass das im Großen und Ganzen plausibel klingt). Jedoch kann ich aus persönlicher Sicht sagen, dass eine Physiotherapeutin genau dies bei meinem Partner Christoph gemacht hat, nachdem er schon fast ein Jahr mit dem Tibiakantensyndrom gekämpft und es nicht und nicht in den Griff bekommen hat. Wenige Tage später war er geheilt – bis heute (die Massage ist jetzt knapp 2 Jahre her). Ich möchte aber betonen: ACHTUNG – es geht hier um EINEN EINZELNEN Menschen – was grundsätzlich NICHTS aussagt, aber eine Idee geben kann.

Vorbeugung

Auf oben erwähnter Homepage stehen auch ausführliche Empfehlungen zur Vorbeugung eines Tibiakantensyndroms. Grundsätzlich kann ich empfehlen:

  • ORDENTLICHER Trainingsplan – gut durchdacht mit langsamem, stetigen Aufbau (in 3 Monaten zum Marathon ist halt nicht sehr gut – wenn auch möglich) – am Besten von einem Trainer, der sich mit der Materie intensiver auseinandergesetzt hat
  • ORDENTLICHES Schuhwerk – vom Profi empfohlen
  • Übertraining komplett meiden (-> siehe erster Punkt) – Regeneration
  • Regelmäßiges Fußmuskeltraining (siehe auch Fersensporn – Therapie)
  • Stützen und Dehnen der Plantaraponeurose (siehe ebenfalls Fersensporn – Therapie)
  • Sinnvolles Training UND Dehnung des m. tibialis anterior
  • Gleichgewichtsübungen zb auf Wackelbrettern oder auf einem Bein (Synergisten-Training)