Pilates

Pilates – Was ist das?

Pilates ist eine Bewegungsform, die vor allem die tiefe Muskulatur des Körpers trainieren soll. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von einem Deutschen, Joe Pilates, unter dem Namen “Contrology” gegründet und nach dessen Tod in “Pilates” umbenannt.

Die 6 Pilates-Prinzipien

  • Konzentration (Fokussierung auf die Übung und Aufmerksamkeit auf die Anweisungen der Trainer)
  • Zentrierung, sowohl
    • körperlich (muskuläre Aktivierung der innersten Bauchmuskulatur bei JEDER Übung) als auch
    • geistig (kein Abschweifen der Gedanken, Verinnerlichen der eigenen körperlichen Reaktionen auf die Übung)
  • Kontrolle über Bewegung und Atmung, keine Hast, kein Schwung
  • Atmung, die Pilatsatmung ist eine reine Brustatmung, das Tempo der einzelnen Bewegungen wird der (jedes Mal kompletten) Ein- und Ausatmung angepasst und nicht wie bei den meisten Sportarten umgekehrt.
  • Bewegungsfluss, jede Übung wird fließend ausgeführt, ebenso die Übergänge zwischen den Übungen
  • Präzision, aus diesem Grunde ist zumindest anfangs sicher ein Pilatestrainer notwendig – denn ohne Präzision ist eine Pilatesübung kaum bis gar nicht effektiv.

Vorteile und Ziel

Das Hauptziel des Pilates ist die Kräftigung und Stärkung der innersten Bauch- und Rückenmuskulatur, das bedeutet vorwiegend den m. transversus abdominis, m. quadratus lumborum, der gesamten autochtonen Rückenmuskulatur, Zwerchfell und Beckenbodenmuskulatur. Dadurch soll der Körper aufgerichtet und gestreckt werden, die Wirbelsäule soll in ihrer natürlichen Haltung, mit ihren natürlichen Krümmungen bleiben (Infos dazu gibts im Bericht Skoliose).

So kann sowohl der Muskelgewebeanteil im Körper (und somit der Grundumsatz) gesteigert werden, als auch einer Vielzahl an Wirbelsäulenbeschwerden (zb Bandscheibenvorfall) vorgebeugt werden. Des Weiteren unterstützt das Training natürlich Körperwahrnehmung und Entspannung. Durch die verbesserte Haltung wirkt man automatisch größer, das Wohlbefinden und dadurch oft auch die Körpersprache entwickeln sich positiv.

Wenn ältere Menschen regelmäßig (2 x wöchentlich) Pilates betreiben, können sie davon ausgehen, dass sie ein geringeres Risiko für Osteoporose haben bzw. einer bereits bestehenden Osteoporose ein wenig entgegenwirken können. Des weiteren sinkt ihre Sturzneigung, und sie beugen durch Stabilisatorentraining einigen Gelenksbeschwerden vor. Das intensive begleitende Beckenbodentraining kann gegen Inkontinenz wirken, sowohl protektiv, als auch bei bereits bestehenden Beschwerden.

Nachteile

Joe Pilates hat bei der Entwicklung seiner Übungen sehr viel über die Anatomie des menschlichen Körpers nachgedacht und nicht zuletzt darum hervorragende unterstützende bzw. stabilisierende Übungen entworfen. Leider sind sie nur für grundsätzlich Wirbelsäulen-gesunde Menschen uneingeschränkt empfehlenswert (wie zb die hauptsächlich von Pilates trainierten Tänzer). Vor allem sobald Klienten Rücken- oder Gelenksbeschwerden haben, muss das Pilates-Training auf sie zugeschnitten werden, da einige Pilates-Übungen schädlich oder nicht durchführbar wären. Andere jedoch sind äußerst produktiv und fördern den Heilungsprozess, weshalb man auch grundsätzlich das Pilates mit einem gut ausgebildeten und erfahrenen Trainer empfehlenswert ist.

Bild: “The Seal”, SUPER Übung mit Spaßfaktor, aber wie einige Pilates-Übungen nicht empfehlenswert bei hypermobilen Halswirbeln!

The Seal 2

Beim Rollen von Lenden- zu Halswirbelsäule und zurück ist anfangs aufgrund der Komplexität der Bewegung eine genaue Überwachung und Anleitung von Trainerseite notwendig. Diese Übung ist koordinativ höchst anspruchsvoll: während des Rollens werden in einem vorgegebenen Rhytmus (atmungskonform) die Fußsohlen aneinandergeklopft.

Ausbildung

Für alle Trainer, die Pilates in seiner Grundidee unterrichten wollen, empfehle ich die von Pilates geschriebenen Bücher zu lesen, die praktischer Weise auch gemeinsam in ein Taschenbuch gebunden wurden. Er beschreibt darin seine Lehren und eine von ihm entwickelte Übungssammlung von 34 Übungen. Die Übungen sind samt Atmung gut beschrieben und außerdem mit klaren Fotos veranschaulicht. Auf allen Fotos ist Pilates selbst bei der Übungsausführung zu sehen. Das Buch ist auf Englisch geschrieben, zumal aber Pilates selbst Deutscher war, liest es sich dennoch relativ einfach. Da die Originale 1934 und 1945 entstanden, ist das komplette Buch inkl. Bilder in schwarz-weiß. Es wurde in den letzten Jahren erheblich teurer – ich habe es noch vor ca. 3 Jahren neu um ca. 12 Euro gekauft – inzwischen erfreut es sich offensichtlich hoher Beliebteit, was wohl den Preis auf ca. 40 bis 50 Euro ansteigen ließ. Eine echte Alternative ist ist die Kindle Edition um ca. 4 Euro.

Seit neuestem gibt es allerdings eine Deutsche Übersetzung seiner Übungssammlung um ca. 30 Euro zu kaufen! Links und genauere Infos dazu haben wir im Menüpunkt “Buchtipps” zusammengefasst.

Zur Ausbildung an sich sei noch zu sagen, dass Pilates seine Lehren frei wissen wollte – durchführbar und lehrbar für jeden, der sich damit auseinandersetzt. Es gibt als kein Urheberrecht darauf. Dies hat den klaren Vorteil, dass keine Geschäftemacherei mit Lizenzen damit verbunden ist. Der große Nachteil liegt aber darin, dass viele Menschen Pilates unterrichten – ja sogar Trainerausbildungen anbieten, die die wahren Lehren und Ansichten von Joe Pilates gar nicht kennen bzw. verstehen. Auch kann man beim Besuch einer Pilates-Stunde nicht sicher sein, dass Pilates drin ist, nur weil Pilates drauf steht.

Meine Empfehlung an alle, die eine Pilates-Ausbildung machen wollen: lest (oder zumindest überfliegt) zuerst das Buch, um stets eine Idee zu haben, ob das Vorgetragene im Sinne des Erfinders steht.

Eine goldene Regel: PILATES IST ANSTRENGEND. Wer dabei nicht schwitzt macht es nicht richtig (bzw. wird vom Trainer nicht korrigiert) oder macht möglicherweise auch kein Pilates, sondern Entspannungsübungen oder ähnliches.

Leg_Pull    Leg_Pull_Front_2

Bilder: links: the leg pull, rechts: the leg pul – front, korrekt ausgeführt recht schweißtreibend, und perfektes Ausgleichstraining aber ACHTUNG bei LWS-Problemen bei SCHLECHT trainierter Bauchmuskulatur!

Joe Hubertus Pilates oder Wie alles begann

Joseph, „Joe“ Pilates wurde 1883 in Mönchengladbach (D) geboren. Als kränkliches, schwaches Kind eines Turners und einer Hausfrau bekam er vom Arzt der Familie ein ausrangiertes Anatomie-Buch geschenkt. Er lernte wohl jede Seite – der Grundstein für seine spätere Lehre war gelegt!

Zunehmend begann er sich in seiner Jugend mit Fitness und Bewegung zu beschäftigen, sein Interesse galt östlichen wie westlichen Bewegungssystemen. Der Einfluss von Yoga und Zen ist vor allem in der Langsamkeit und Kontrolliertheit (daher kam der spätere Name „Contrology“) der Übungen und der Atemtechnik bei der Pilates-Methode wiederzufinden. Die Genauigkeit der Übungen und die gezielten Bewegungen lassen leicht erkennen, dass ein Hobby-Anatom ihr Erfinder war.

Er wurde sehr muskulös, modelte für anatomische Zeichnungen und trat sogar nach seiner Auswanderung nach England (1912) als professioneller Boxer und auch als Artist im Zirkus auf. Auch Beamte von Scotland Yard soll er in Selbstverteidigung trainiert haben.

Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach wurde er wie alle Deutschen in England interniert (Gefangennahme von Kriegsgegnern im eigenen Land). Er begann seine Mitgefangenen zu trainieren. Angeblich war die Überlebensrate der Grippepandemie von 1918 unter jenen Mitgefangenen weit höher, als jene der restlichen Bevölkerung.

Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat Deutschland zurück und entwickelte seine während seiner Gefangenschaft entwickelte Bewegungslehre „Contrology“ zielstrebig weiter.

1926 wanderte er nach New York aus. Auf der Überfahrt in die Vereinigten Staaten lernte er seine spätere (bereits dritte!) Frau Clara kennen. Sie war Krankenschwester und konnte so einiges an medizinischem Wissen und Erfahrung mit Kranken und Schmerzpatienten in die Lehre einbringen.

Gemeinsam gründeten Joe und Clara ihr erstes Pilates-Studio in New York, wo sie anfangs vor allem Tänzer trainierten. Bald machte er sich in der Szene einen Namen, wirklich reich wurden Clara und Joe Pilates mit ihrer Arbeit aber vermutlich nie.

Joe und Clara bildeten die „Elders“ aus, wie die „First Generation Teachers“ auch genannt wurden (also Pilates-Lehrer, die direkt vom Ehepaar Pilates gelernt hatten). Eine von Ihnen übernahm einige Jahre nach seinem Tod (1967) das Studio, konnte es aber nicht erfolgreich weiterführen, so dass sich die Trainer weitläufiger verteilten. Dies führte dazu, dass sich einige, nicht komplett idente Pilatesvarianten entwickelten – sicher hat jede einzelne von ihnen ihre Daseinsberechtigung.

2 Responses

  1. irene
    irene at | | Reply

    Bin selbst Pilates trainerin und kenne auch keine kollegin, die beim seal bis zur HWS rollt!! Insofern gibts da keine Gefahren für die HWS! Wie du selbst schreibst gut erkundigen bevor man Pilates macht oder darüber schreibt!

    MfG

    Irene Bazalka

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