Der Bandscheibenvorfall – Diskusprolaps

Begriff

diskus: Scheibe

prolaps: Vorfall

Die Bandscheibe – discus vertebralis (vertebra = Wirbel)

Zwischen den meisten unserer Wirbel liegt je eine Bandscheibe. Eine Bandscheibe besteht aus einem “gallertigen” Kern (also etwas fester als breiig) und einem Faserring. Weiter innen besteht dieser Faserring aus eher bindegewebigen Strukturen, weiter außen aus eher knorpeligen. Vor allem der Kern hat einen hohen Flüssigkeitsgehalt, dadurch kann die Bandscheibe ihre Hauptfunktion als Dämpfung zwischen den Wirbeln ideal ausüben. Über den Tag verteilt verliert die Bandscheibe durch den auf sie ausgeübten Druck an Höhe (der Mensch wird um bis zu ca. 3 cm kleiner), im Liegen (also üblicherweise Nachts) kann sie sich wieder “auffüllen”.

Insgesamt hat ein Mensch im Normalfall 23 Bandscheiben, sie machen ca. ein Viertel der Gesamtlänge der Wirbelsäule aus. Im Alter degenerieren (verkleinern und teilweise verschwinden) die Bandscheiben zunehmend, dies erklärt auch (unter anderem!), warum Menschen im Alter kleiner werden.

Die Wirbelsäule

WirbelsaeuleLendenwirbel5

Links: Wirbelsäule im Querschnitt, rechts: 3D-Ansicht des 5. Lendenwirbels

Quellen: http://www.bartleby.com/107/illus111.html und http://www.bartleby.com/107/illus93.html

 

Die Wirbelsäule mit ihren 7 Halswirbeln, 12 Brustwirbeln, 5 Lendenwirbeln und dem verwachsenen Kreuz- und Steißbein weist über ihre Länge beim gesunden Menschen einige Krümmungen auf. Hals- und Lendenwirbelsäule krümmen sich nach vorne (“Lordose”), Brustwirbelsäule und Kreuzbein krümmen sich nach hinten. Wenn diese Krümmungen optimal (in den von der Natur vorgesehenen Winkeln) vorhanden sind, ist der Druck auf die Bandscheiben, der von den Wirbeln darüber und darunter ausgeübt wird, recht gleichmäßig verteilt. Hauptsächlich wird die Wirbelsäule von Muskulatur (eine Vielzahl an unteschiedlichen Muskeln und Muskelgruppen und einige Bänder) in diesen Krümmungen gehalten.

Die ganze Wirbelsäule entlang ziehen Nervenbündel, die jeweils zwischen den einzelnen Wirbeln – neben den Bandscheiben (also ohne sie zu berühren) rechts und links austreten. Diese Nerven befehligen teilweise Muskeln, manche leiten Schmerz und andere Empfindungen weiter, manche können auch beides.

Bandscheibenvorwölbung, Bandscheibenvorfall

Bandscheibenvorfall - Wirbelsäule

Manchmal kann der Druck auf die Bandscheiben nicht gleichmäßig bleiben. Dies kann plötzlich passieren, zb indem man eine schwere Last (zb eine Bierkiste) von seitlich aufhebt oder auch dauerhaft, wenn zum Beispiel die Muskulatur, die die Wirbelsäule in ihren Krümmungen hält, ungleichmäßig trainiert oder an einzelnen Stellen verkürzt ist. Manchmal – vor allem wenn die umgebende Rücken- und Bauchmuskulatur nicht ausreichend trainiert ist – wird dieser Druck so stark, dass sich die Bandscheibe in die weniger zusammengedrückte Richtung wölbt. Das nennt man dann “Protrusion”, was so viel wie Vorwölbung bedeutet. Plötzliche Protrusionen empfinden wir in der Regel als “Hexenschuß”, länger andauernde als langwierige und heftige Rücken-, meistens Kreuzschmerzen.

Vor allem, wenn der Faserring (durch Druck oder einfach durch Abnutzung und schlechte Versorgung mit Flüssigkeit) schon spröde wird oder gar an einzelnen Stellen aufreißt, kann der Kern auch durch den Faserring durch- und austreten, das nennt man dann “Prolaps”, was so viel wie Vorfall bedeutet. Kann sich eine Vorwölbung noch in vielen Fällen wieder zurückbewegen, ist ein (in Teilen oder komplett) ausgetretener Kern, also der typische Bandscheibenvorfall, praktisch nicht mehr an seinen Ursprungsort zurückzubringen. Über einige Wochen wird er “schrumpelig” (weil als erstes die darin befindliche Flüssigkeit abgebaut wird) und dann in vielen Fällen vom körpereigenen Immunsystem komplett abgebaut.

Wenn nun der ausgetretene Kern(teil) auf einen an dieser Stelle verlaufenden Nerv drückt, kann dieser Nerv seine Funktion nicht mehr richtig ausführen und läuft auch Gefahr (vor allem, wenn es länger dauert), sich zu entzünden. Je nach betroffenem Nerv können also an bestimmten Stellen Schmerzen auftreten, es ist aber auch möglich, dass Betroffene bestimmte Stellen Ihres Körpers kaum oder nicht mehr spüren oder bestimmte Muskeln nicht mehr “funktionieren”. Fachleute können im Normalfall aus der Lokalisation der Beschwerden schon die betreffende Bandscheibe nennen.

Sowohl “Vorwölbung” als auch “Vorfall” sind ein wenig mißverständlich gewählte Ausdrücke, kann doch eine Bandscheibe – je nach Druckverteilung – im Prinzip in jede Richtung austreten, also auch zur Seite (die wohl häufigste Variante) oder nach hinten.

Therapie

Grundsätzlich ist ein echter Bandscheibenvorfall ein Notfall. Vor allem wenn plötzlich organische Probleme auftauchen (zb Inkontinenz), sollte nicht gezögert werden, die Rettung zu verständigen (Österreich, Schweiz 144, Deutschland 112)!

Gegen die massiven Schmerzen wird meistens vom Arzt vor allem anfangs mit hoher Schmerzmitteldosierung vorgegangen, falls die Bedrohung eines Nerven durch den ausgetretenen Kern zu groß ist, kann auch manchmal eine Operation notwendig sein.

Danach wird normalerweise eine Physiotherapie angeschlossen, bei der schonend (ohne einen neuerlichen Vorfall zu provozieren) die umgebende Muskulatur trainiert wird, um die restlichen Bandscheiben zu (unter)stützen und in ihrer Position zu halten. Wenn das ursprüngliche Problem, das meist in einer Mischung aus schlechter muskulärer Stütze und Fehlhaltung vorliegt, nicht behoben wird, sind neuerliche Bandscheibenvorfälle (an den benachbarten Bandscheiben) keine Seltenheit.

Nicht zuletzt darum spielt auch bei dieser Problematik der TRAINER eine SEHR WICHTIGE ROLLE. Jede(r) Trainer(in) sollte eine grobe Idee von den normalen (wünschenswerten) Krümmungen einer menschlichen Wirbelsäule haben und danach streben, seine(n) KlientIn nach abgeschlossener Physiotherapie so zu trainieren und zu dehnen, dass sie möglichst in dieser Krümmung gestützt wird. D. h. zb bei Hohlkreuz viel Bauchmuskeltraining (und antagonistisch auch Latissimus) und Dehnung der Hüftbeuger, bei sehr flacher Lendenwirbelsäule Rückentraining und Dehnen der Beinrückseiten. Für jegliche Fehlhaltung können anatomisch in Grundzügen geschulte Trainer unterstützende Übungen anbieten bzw. entwickeln.

 

ACHTUNG: die hier beschriebenen Details sind den Wissens-Bedürfnissen von Trainern im Sportbereich angepasst. Sie sind nicht vollständig, teilweise sehr vereinfacht dargestellt und keineswegs für medizinische Aus- oder Weiterbildung gedacht bzw. geeignet! WIE EIGENTLICH IMMER in der Medizin ist es leider NICHT GANZ SO EINFACH. Aber wenn jeder Trainer Wissen in zumindest diesem Ausmaß hätte, wäre die Trainer- und Sportlerwelt definitiv eine Bessere – und genau das ist unser Ziel! Also liebe MedizinerInnen – ich betone erneut: nix für ungut – ich weiß eh ;)